GernePerDu – Formlose Anrede in der Unternehmenskultur
Jede Firma hat ihre Strukturen und Hierarchien. Und da galt bislang das ungeschriebene Gesetz, dass höhergestellte Personen zu siezen sind. Es sei denn, sie selbst bieten ihren Angestellten das Du an. Seit einigen Jahren scheinen diese strikten Regeln aber ein wenig aufzuweichen. Eine zunehmende Zahl an Arbeitgebern geht dazu über, firmenintern eine lockere Kommunikation aufzubauen. Auf diese Weise sollen Distanzen zwischen den einzelnen Menschen überwunden werden. Doch warum genau verliert das Sie als Anrede eigentlich an Bedeutung – und worauf sollten vor allem neue Mitarbeitende in einem Unternehmen achten, um einen Tritt ins Fettnäpfchen zu vermeiden?
Kommunikation öffnet sich
Inhalt des Artikels "GernePerDu – Formlose Anrede in der Unternehmenskultur"
Bestimmt ist es Ihnen nicht entgangen: Immer häufiger wird im Alltag geduzt. Egal, ob beim morgendlichen Kauf des Kaffees im Shop oder beim Austausch mit Fremden im Chat – das Du ist auf dem Vormarsch. Was für manche Menschen zunächst gewöhnungsbedürftig war und von den bekannten Gepflogenheiten abwich, hat sich jedoch nach und nach etabliert, um heute – insbesondere bei jüngeren Leuten – als gänzlich normal angesehen zu werden. Warum auch nicht, immerhin wird das Duzen als persönlicher, weniger förmlich und damit in der Regel höflicher aufgenommen. Darin ist ein Teil der westlichen Kultur zu sehen, immerhin ist die Anrede per Vornamen in den Vereinigten Staaten von Amerika längst üblich – und gehört dort vor allem in den großen Unternehmen sogar zum guten Ton.
In der Unternehmenskultur setzt sich das Du durch
Kein Wunder also, dass im Beruf ein Wandel in der Kommunikation erkennbar wird. Mittlerweile spielt es in einigen Konzernen keine Rolle mehr, auf welcher Stufe der Hierarchie die Mitarbeitenden stehen, wie alt sie sind oder welche Erfahrungen sie im Job bereits gesammelt haben: Im mündlichen und schriftlichen Austausch wird häufiger geduzt als gesiezt. Das Vorbild dazu bieten zumeist englische und amerikanische Firmen, in denen die Anrede mit dem Vornamen fest zu den Traditionen des Umgangs miteinander gehört. Auf diese Weise soll ein freundliches und motivierendes Arbeitsklima ermöglicht und die Distanz zwischen den unterschiedlichen Ebenen eines Unternehmens verringert werden. Unter dem Hashtag #GernePerDu ist daraus in den letzten Jahren eine Bewegung entstanden, die vom Siezen abweichen möchte.
Ein noch junger Trend in Deutschland
Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten und einigen westeuropäischen Nationen steckt das Du als Bestandteil der Kommunikation innerhalb der Unternehmenskultur aber noch spürbar in den Kinderschuhen. Eventuell haben auch Sie bereits die Erfahrung gemacht, in einem Gespräch nicht zu wissen, welche Form der Anrede denn nun eigentlich gewünscht oder erlaubt ist – immerhin könnten Konsequenzen drohen, wenn Vorgesetzte ohne deren Einverständnis geduzt werden. Die ersten Schritte des #GernePerDu kamen im Jahre 2018 übrigens von Angestellten des BMW-Konzerns. Sie boten ihren Vorgesetzten ebenso wie ihren Untergebenen einen form- und zwanglosen Austausch an: Mit der Verwendung des Du sollten Distanzen abgebaut und ein Austausch auf Augenhöhe erlaubt werden. Eine Idee, die sich hierzulande immer stärker durchsetzt.
Weitere Konzerne ziehen nach
Das bei BMW in Gang gesetzte Vorbild entwickelte sich zunächst langsam und etwas schüchtern, wird mittlerweile aber von mehreren globalen Unternehmen übernommen. Meist wird bereits im Rahmen der Vorstellungsgespräche zwischen den Bewerbenden und den Mitarbeitenden des Konzerns darauf hingesteuert, durch das gegenseitige Duzen eine lockere Atmosphäre zu gestalten. Damit soll die Grundlage errichtet werden, auf der nicht nur eine weitgehend ungehemmte Kommunikation möglich ist – sondern die es den Angestellten später auch erlaubt, sich ungeachtet der Hierarchien frei in ihrem Job zu entfalten. Der Abbau von Grenzen und Hürden nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Das persönliche Wort oder sogar ein zwangloses Gespräch zwischen Personen, die sich auf unterschiedlichen Ebenen befinden, kann da wahre Wunder wirken – und einen Nutzen auf beiden Seiten auslösen.
Die Vorteile des #GernePerDu
Gerade in großen Konzernen herrscht oft eine Unternehmenskultur, die zumeist von unübersichtlichen Strukturen geprägt ist. Nicht immer wissen die Mitarbeitenden etwa beim Essen in der Kantine, wer da neben ihnen sitzt, auf welcher Ebene der Hierarchie sich diese Person befindet, welche Machtbefugnisse ihr zukommen – und ob förmlich oder locker mit ihr gesprochen werden darf. Der pauschal und weitgehend für alle Angestellten geltende Rückgriff auf das Du soll diese Barrieren verringern. Das Du ist fest in der Kommunikation des Arbeitgebers verankert. Es schafft Nähe und Vertrautheit, baut also Distanzen ab. Es ermöglicht den einfachen Zugang zueinander, erlaubt Gespräche auf Augenhöhe und wird von vielen Betroffenen durchaus als befreiend und motivierend wahrgenommen. Das Duzen im Job kann sogar zu einer steigenden Identifikation mit dem Unternehmen führen.
Es lauern auch Nachteile
Doch Vorsicht und Fingerspitzengefühl sind Ihnen vor allem dann angeraten, wenn Sie neu in eine Firma eintreten, bei der Sie die Gepflogenheiten rund um die Kommunikation noch nicht einschätzen können. Denn die Verwendung des Du kann sich leider zu einem tragischen Fettnäpfchen entwickeln – insbesondere, wenn es einen mangelnden Respekt gegenüber der angesprochenen Person andeutet. Ratsam ist es daher, sich vorab mit der Unternehmenskultur vertraut zu machen und auch die Anrede entsprechend zu wählen. Selbst dann kann es aber natürlich vorkommen, dass einzelne Mitarbeitende lieber gesiezt werden möchten. Vielleicht, weil ihnen diese Distanz zu den übrigen Angestellten sinnvoller erscheint oder weil sie sich damit wohler fühlen. Immerhin kann das Duzen als Versuch der Überwindung bestehender Hierarchien interpretiert werden.
#GernePerDu – aber es muss zum Job passen
Ob am Arbeitsplatz also gesiezt oder geduzt wird, hängt stets von der Unternehmenskultur und der allgemeinen Kommunikation untereinander ab. In der Regel sind es die Angestellten selbst, die neuen Mitarbeitenden das Du anbieten. Andere nutzen als Signatur in ihren Mails den Hashtag #GernePerDu. In solchen Fällen ist es daher einfach, sich an die Traditionen im Hause anzupassen. Demgegenüber sollte es allen Personen möglich sein, auf eigenen Wunsch auch das Siezen bei der Anrede beizubehalten. Etwa dann, wenn die Distanz innerhalb der Hierarchie doch einmal zu groß wird oder wenn es das Alter, die Position und die Leistungen eines Menschen erfordern, auf das Du zu verzichten. Das gegenseitige Miteinander sollte insgesamt aber ohnehin gelebt werden und wird daher kaum von einzelnen Worten abhängen.
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